Der Vergleich macht dich unsicher

Es gibt diesen Wettbewerb. Diesen Wettbewerb mit allen, die du kennst. Ziel ist, nicht schlechter zu sein als die anderen. Das ist schwer: Du könntest z. B. keinen Job finden, weniger witzig, sprachgewandt, intellektuell oder kreativ sein, politisch weniger aktiv sein, sexuell weniger aktiv sein, auf Facebook weniger aktiv sein, keine Profile auf sonstigen Social Media unterhalten, keinen Blog haben, weniger gesund und fit sein, weniger Freunde haben, keine originellen Hobbys, keine eigene Wohnung, keine Kinder. Du könntest psychisch weniger gesund und weniger glücklich sein.

Der Vergleich mit Expartnern kann fatale Folgen haben. Was, wenn du dich in diesen zehn Jahren schlechter entwickelt hast als sie? Wie viele Erfolge kannst du in die Waagschale werfen, wie viele Misserfolge müssen damit aufgewogen werden? Klar: Es muss Gewinner und Verlierer geben. Alle können in der Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht bestehen. Da heißt es schleunigst aufholen, wenn du dich zu den Zurückgebliebenen zählst.

Misserfolge werden nicht verziehen, mildernde Umstände gibt es nicht. Die Bewertung auf der Skala sozialer Anerkennung geschieht ohne Erbarmen. Allzu viele Erfolgreiche kann es nicht geben, denn das potentielle Publikum für junge Kreative ist enden wollend. Kannst du immerhin das Pflichtprogramm bewältigen: gesund, Steuerzahler, Zweierbeziehung?

Wenn nicht, gibt es noch das Reich des Mitleids, das du durch deine Bewertungen selbst mit erschaffst.

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In Linz beginnt’s

Steigende Mieten, Immobilienspekulation, Gentrifizierung: All das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Oder doch? In Linz zeigt eine Gruppe junger Menschen gerade vor, wie es anders gehen könnte.

Irgendwie betrifft es die meisten von uns, auch wenn wir – im besten Fall – kaum etwas davon mitbekommen: Pünktlich zum Monatsersten die Miete von unserem Konto abgebucht. Wenn wir Glück haben, bleibt danach noch genug zum Leben. Wenn wir Glück haben, funktioniert die Heizung, der Mietvertrag wird verlängert und danach können wir uns die Wohnung immer noch leisten. Wenn wir Glück haben, brauchen wir uns nicht näher damit auseinanderzusetzen.

Das alles erscheint uns meistens so normal, dass es eine Weltwirtschaftskrise samt Spekulationsblase brauchte, um manche von uns auf den Gedanken zu bringen, dass vielleicht doch nicht alles normal ist. Wohnraum ist knapp und teuer, während gleichzeitig Häuser in der Innenstadt leer stehen und verfallen. Altbauten werden aufwendig saniert und „aufgewertet“, was die eingesessenen Bewohner*innen an den Stadtrand drängt – in billigere Viertel, wo das Ganze von vorne losgeht.

Free Willy*Fred

Dass es auch anders gehen kann, zeigt gerade eine Handvoll junger Leute in Linz. Mit ihrem Verein habiTAT haben sie ein Modell nach Österreich geholt, das in Deutschland schon länger unter dem Namen „Mietshäuser Syndikat“ existiert. Hinter dem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich ein rechtliches Konstrukt, das auf den ersten Blick ebenso sperrig wirkt:


Das Miethäuser Syndikat fungiert als Dachverband, der gemeinsam mit lokalen Projektgruppen Wohnhäuser kauft. Bei diesen Projektgruppen handelt es sich meist um Vereine, die selbstverwaltet alternative Formen des Zusammenlebens ausprobieren wollen. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich gibt es solche Hausprojekte schon seit einigen Jahrzehnten. Was also ist neu an habiTAT? Der Clou steckt hier tatsächlich im rechtlichen Detail: Da die einzelnen Objekte weder den jeweiligen Bewohner*innen noch dem Dachverband gehören, sondern eben beiden gemeinsam, könnte das Haus nur dann wieder verkauft werden, wenn sowohl die Nutzer*innen als auch sämtliche Mitglieder des Dachverbands zustimmen – was praktisch ausgeschlossen ist. Ein Wiederverkauf der Gebäude ist damit faktisch unmöglich. Und genau darum geht es bei dem Modell: Häuser sollen nicht mehr als Geldanlage und Spekulationsobjekt verwertbar sein, sondern nur noch denen dienen, die drin wohnen.

Der Clou steckt im Detail

Unzählige Stunden haben Taro Knopp, Julia Krikler und die anderen „habitäter*innen“ – so nennen sich die Mitglieder des Vereins – mit dem Studium der rechtlichen Grundlagen und dem Entwerfen von Musterverträgen verbracht, um das Modell „Mietshäuser Syndikat“ für die österreichische Rechtslage zu adaptieren. Diese Arbeit, hinter der viel Idealismus steckt, hat nun ein erstes sichtbares Resultat: Es trägt den Namen „Willy*Fred“ und ist ein schmuckes, geräumiges Haus mitten in der Linzer Innenstadt, dessen Ankauf durch habiTAT unmittelbar bevorsteht.

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Dabei ist allein der Ankauf des Objekts, für das der derzeitige Besitzer immerhin drei Millionen Euro haben will, eine ordentliche Herausforderung: Schließlich gewährt die Bank nur dann einen Kredit, wenn die Käufer*innen ein Drittel des Betrags selbst aufbringen. Da es sich bei habiTAT nun mal um keine millionenschwere Stiftung, sondern um einen gemeinnützigen Verein handelt, ist das Aufstellen solch einer Summe alles andere als eine Kleinigkeit. Um das ehrgeizige Projekt trotzdem umsetzen zu können, setzen die Linzer*innen auf das Modell Direktkredit: In einer Kampagne haben sie Privatpersonen eingeladen, ihr Geld in dem Hausprojekt anzulegen, um es nach einer vereinbarten Zeit und zu einem vereinbarten Zinssatz wieder zurückzubekommen. Um die Kredite zu begleichen, müssen auch die Bewohner*innen von Häusern wie Willy*Fred Miete zahlen – allerdings deutlich weniger als am privaten Wohnungsmarkt üblich. Sind erst einmal alle Schulden getilgt, werden die weiteren Mietbeiträge in die Unterstützung neuer Hausprojekte investiert. In Deutschland hat dieses Modell dazu geführt, dass das Mietshäuser Syndikat mittlerweile um die hundert Objekte umfasst.

Aussteiger-Paradies oder leistbares Wohnen für alle?

Bis Dezember 2015 haben die habitäter*innen noch Zeit, um den erforderlichen Betrag von einer Million Euro aufzubringen. Da derzeit schon mehr als 900.000 Euro an Darlehen vorliegen, stehen die Chancen gut, dass Willy*Fred mit Jahreswechsel tatsächlich „frei“ ist. Mitten in Linz werden dann auf einer Fläche von 1700 m2 Lage leistbare Wohnungen zur Verfügung stehen. Und das Modell Willy*Fred macht Schule: Auch in Wien gibt es derzeit zwei Gruppen, die im Rahmen von habiTAT Häuser „freikaufen“ möchten. Freikaufen? Der Ausdruck ist emotional aufgeladen, er lässt an das Auslösen von Gefangenen und das Befreien von Sklav*innen denken. Solche Begriffe erwecken den Eindruck, dass sich hinter dem Syndikatsmodell mehr verbirgt als das Schaffen von billigem Wohnraum. Es schwingt auch die Vision einer besseren Gesellschaft mit – einer Gesellschaft, in der Menschen miteinander teilen, statt sich aneinander zu bereichern. Eine utopische Vorstellung? Vielleicht. Ist das „Freikaufen“ von Häusern also bloß etwas für eine Handvoll weltfremder Idealist*innen?

Martina Schönbauer und Taro Knopp von habiTAT sind anderer Ansicht. Zwar verstehen sie das Syndikatsmodel sehr wohl politisch – als Kampfansage an eine Wohnraumpolitik, die die Interessen von Investoren über die der Bewohner*innen stellt. Gleichzeitig sind sie überzeugt, dass das Thema nicht nur für eine kleine Minderheit von Interesse ist.



Besonderes Potential sieht Martina bei Bevölkerungsgruppen wie Alleinerziehenden oder Geflüchteten, die es am kommerziellen Wohnungsmarkt besonders schwer haben. Nicht nur Menschen mit ausgeprägtem politischem Engagement, sondern auch die, die einfach nur in Ruhe leben wollen, könnten das Modell für sich nutzen: Da habiTAT den einzelnen Hausgruppen keinerlei Vorgaben macht, wie sie den Wohnraum zu gestalten haben, sieht Martina innerhalb des Dachverbandes Platz für die verschiedensten Wohnmodelle. Im Haus Willy*Fred sind jedenfalls schon mal alle Wohnungen vergeben …

von Lena Dražić

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Wie wäre es ohne?

Einmal wollte ich mich selbst verwirklichen. Ich war jung und sah sonst keine  Möglichkeit. Doch das Sortiment der vorgegebenen Überlebenswege schafft Fakten. Einmal wollte ich mich selbst retten. Die vorgegebenen Wege haben nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. Sondern mit Überleben. Die vorgegebenen Optionen haben nichts damit zu tun, was gebraucht wird. Was gebraucht wird, hat nichts damit zu tun, was du machen willst. Es gibt vieles, was gebraucht wird, ohne vorgegeben zu sein. Viele raufen sich um wenig Stellen in diesem Wien West. Alle wollen sich selbst verwirklichen, wie ihnen beigebracht wurde, als sie jung waren. Dass es ihnen zusteht. Weil sie was können (nicht so wie die anderen). Dann gibt es aber nur erträgliche und unerträgliche Stellen, und gar keine Stellen. Wohin mit all der Qualifikation.

Wir sind überflüssig.
Du bist überflüssig. Manche schaffen es aber doch und überragen die anderen. Für die anderen ist es okay, wenn sie irgendwas machen. Irgendwas ist immer noch besser als nichts. (Der Kampf ums Dasein hat längst den Kern der herrschenden Klasse erfasst, nein die Peripherie, hat längst die gut Ausgebildeten der reichsten Erdteile erfasst.)

Warum bist du da? Welche Exzellenz berechtigt dich, deinen Platz einzunehmen? Wie selbstbestimmt bis du? Sind wir Subjekte? (Wer sind überhaupt „wir“ außer „ich“ + „ich“ + „ich“ + „ich“?) Bist du etwas ganz Besonderes? Hat das System eine Nische für dich freigelassen? Hast du die Normalität ausgetrickst, indem du dich in deiner Welt unersetzlich gemacht hast? Hast du dich ausgezeichnet, bist du anerkannt worden? Bekommst du zu essen? Kannst du dich verkaufen?

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Eineiige Harmonie

Gedanken unter dem Eindruck eines Klavierabends in Wien

Ferhan und Ferzan Önder, Katia und Marielle Labec: Worin liegt sie begründet, die Faszination an klavierspielenden Geschwisterpaaren? Und: Wie kommt es, dass das berühmteste Klavierduo, das derzeit weltweit die Podien bereist, ausgerechnet aus zwei Schwestern besteht? Die Frage scheint müßig, die Antwort auf der Hand zu liegen: Jahrzehntelange, von frühester Kindheit eingeübte Gewöhnung tut zweifellos ihre Wirkung – wenn nicht gar, wie manches vermuten mag, die Gene ihr Scherflein zum Erfolg beitragen.

Trotz solch plausibler Erklärungen hat das Frohlocken angesichts der familären Spitzenpianistik etwas „Unsauberes“. Hier geht es, das ist klar, nicht nur um die musikalische Leistung – auch wenn diese gar nicht in Zweifel gezogen werden muss. Doch brauchen wir nur gängige Zeitungsmeldungen über die „schwesterliche Harmonie“ zwischen den Zwillingen zu lesen, um zu begreifen: Hier spielt die alte Schaulust mit, die Geilheit auf siamesische Zwillinge und andere „Abnormitäten“. Schon seltsam, das Verlangen danach, zwei Personen auf der Bühne zu sehen, die scheinbar der westlichen Forderung nach Individualität ein Schnippchen schlagen. Es erscheint als der alte Reiz am Spektakel, der Schauer der Freekshow in gezähmter Gestalt. Hinein spielt die Fiktion, dass hier zwei Wesen und doch ein Wesen vor dir stünden, unterstützt durch den Umstand, dass die Schwestern durch ihre identische Kleidung die Nicht-Unterscheidbarkeit auf die Spitze treiben.

Zu dem üblichen Voyeurismus, der das Auftreten von Frauen in der Klassik-Szene begleitet – da wird darauf hingewiesen, dass die Schwestern bei ihnen Auftritten nicht nur hervorragend Klavier spielen, sondern auch „haute Couture“ (Prada) tragen und selbst in ihren Sechzigern noch wie hippe Teenager aussehen –, gesellt sich hier ein spezieller. Die Harmonie wird in emphatischer Weise vorausgesetzt: Völliger Gleichklang muss bestehen zwischen zwei Wesen, denen wir unterstellen, sie müssten „im Innersten verbunden sein“, wie zwei Ausprägungen ein und derselben Person. Tatsächlich ist wohl ein Lebensweg an Dressur nötig, um diese Übereinstimmung zu erzielen – in familiären Zwangslagen, wo Kinder unter der Bedingung zweifelhafter Freiwilligkeit in die Klavierstunde und sodann bei erster Gelegenheit zu zweit aufs Konzertpodium getrieben werden. Erfolgt dieser Drill in jungen Jahren, wenn der Charakter den Disziplinierungsmaßnahmen noch weitgehend widerstandslos ausgesetzt ist, erweist er sich als besonders effektiv.

Was bleibt dann der Kritikerin anderes, als bewundernd zu konstatieren, wie gleichschwebend temperiert die Vorzeigeschwestern doch sind.

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Sinnvolle Tätigkeiten

  1. Etwas Nützliches tun, z. B. Gemüse anbauen, Alte, Kranke, Behinderte, Arme oder Geflüchtete unterstützen, eine ausbeutungsfreie Wirtschaft aufbauen oder dort anpacken, wo gerade Bedarf ist
  2. Das tun, was du gut kannst
  3. In einem Umfeld arbeiten, in dem du dein eigenes Tempo bestimmst, ohne Selbstausbeutung
  4. Den Arbeitsbegriff umgraben, Leistung und Einkommen entkoppeln. Dafür kämpfen, dass alle Zugang zu materiellen und immateriellen Gütern haben → für ein bedingungsloses Grundeinkommen sein
  5. Kunst machen, auch wenn keins außer dir was damit anfangen kann
  6. Über den Kunst-Komplex nachdenken
  7. Über die Zusammenhänge zwischen Musik und Politik nachdenken und schreiben
  8. Sachen reparieren
  9. Netzwerke schaffen, z. B. Foodcoops, Leihläden, Kostnixläden, Cafés ohne Konsumzwang, Volxküchen, linke und feministische Buchhandlungen, besetzte Häuser, Schenken, Schwellen, Polytreffs
  10. Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise organisieren
  11. Wohnprojekte gründen
  12. Dich über die globale Wirtschaftsordnung, den Welthandel und Entwicklungspolitik informieren, für die Entschuldung der Dritten Welt eintreten
  13. Fair einkaufen
  14. Konsum verweigern
  15. Dich weiterbilden: Kulturwissenschaft, politische Ökonomie, feministische, queere und postkoloniale Theorie …
  16. Zweifel formulieren. Kritik üben
  17. Anders leben
  18. Dem Körper Gutes tun
  19. Sexuell sein und darüber reden
  20. Umverteilen

Die Verdrängung der Gegenwart

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Das Konzerthaus-Foyer vibriert vor fieberhafter Erwartung, das scharenweise einströmende Publikum befindet sich offenbar in gehobener Stimmung. Ist die Atmosphäre hier schon im Normalfall feierlich („Here you leave today and enter the world of celebration“, stand vor einigen Jahren in gewollt provokanter und zeitgeistiger Fasson auf die Foyerwände gesprayt), so ist heute eine besondere Aufregung zu bemerken. Das hier ist offenbar keine gewöhnliche Festlichkeit, sondern mehr. Die Abgesandten der Presse bekommen bei der VIP-Garderobe ein schwarz broschiertes Heft von beachtlichen Dimensionen in die Hand gedrückt, das eine Aufschrift in verschnörkelten Gold-Lettern ziert: „Jolanta“. Wer oder was ist „Jolanta“? „Jolanta“ ist eine Oper von Peter Iljitsch Tschaikowsky. Diese Oper wird heute Abend gegeben – konzertant, versteht sich. Eine Oper, die kaum wer kennt. Russisch halt. Und darum die Aufregung? Das Booklet ist ein rechter Ziegel, mattschwarz gebunden. Die quadratischen, edel schimmernden Seiten mit verschnörkelten Goldlettern entsprechen einer Ästhetik, die sich mit Begriffen wie „edel, kostbar und teuer“ charakterisieren lässt. Hier, scheint es auszusagen, wird nur das Beste vom Besten geboten, das ebenso zeitlos wie unbezahlbar ist.

Wir wollen Helden

Natürlich geht es nicht um Jolanta, um Tschaikowsky, um eine Oper, die keine kennt. Worum es geht, lässt der Titel der Abo-Reihe erkennen, zu deren Durchführung das CD-Label Universal sich den großen Saal des Wiener Konzerthauses ausgeborgt – und dafür, so darf angenommen werden, wohl einen gebührenden Preis auf den Tisch gelegt hat: „Great Voices“. Wird der Starrummel in dieser Institution gewöhnlich noch recht oder schlecht als raffiniertes Goutieren höchster artistischer Kostbarkeiten sowie zeitloser Meisterwerke getarnt, trägt der schnöde Voyeurismus gewöhnlich die Maske erlesenen Kunstgenusses durch unbestechliche Connaisseure, so zeigt sich hier und heute die schnöde, ungeschminkte Fratze der Klassik-Leidenschaft. Jenseits ästhetischer Sublimierung scheint sich ein allgemein menschlicher Topos, eine anthropologische Konstante abzuzeichnen, die lautet: Menschen wollen Götter. Und wenn keine Götter, dann doch zumindest Kaiser, Könige oder Fürsten, die sie anbeten können. In einer säkularen Demokratie, deren Herrscher himmlische wie irdische Allmacht gegen glanzlose Repräsentation eingetauscht haben, müssen eben Künstler herhalten. Das war schon bei Farinelli so. Bei Paganini. Bei Beethoven. Bei Liszt. Bei Wagner. Aber auch bei Elvis Presley. Bei Jim Morrison. Bei Michael Jackson. Und so ist es auch bei ihr, bei Anna Netrebko, um derentwillen diese Show inszeniert wurde. Wegen der ein Symphonieorchester, ein Chor, zehn Solisten und ein Dirigent eingeflogen wurden. Hier zeigt der Starkult nicht sein alltägliches, sondern sein gepudertes Gesicht. Starkult aus Samt und Seide. Wer war Jolanta? Wenn wir das nur wüssten. Egal. Soviel ist klar: Es gibt heute das Höchste, das Größte, das Beste zu bewundern. Ganz aus der Nähe, ganz intim, live, in echt. Von Angesicht zu Angesicht und leibhaftig in einem Raum.

Möchtest du singen? Oder ein Märchen hören?

Der Saal verdunkelt sich, der Dirigent hebt den Taktstock, die Ouvertüre beginnt: Karge Fagottklänge verflechten sich zu schroffen, dissonanten Akkorden. Es klingt modern. Das ist Tschaikowsky? Doch dann beginnt die erste Szene. Der Star des Abends, Anna Netrebko betritt das Podium. Sie trägt ein rosa Kleid mit weitem Rüschenrock. Sie ist als Sängerin verkleidet und dabei doch ganz die Netrebko. Auch die anderen Frauen, die an der Rampe aufgefädelt dastehen, sind als Sängerinnen verkleidet. Sie tragen Abendkleider aus kostbarem Geschmeide. Ihre Haare sind lang, der Busen wird auf einem Balkon zur Schau gestellt. Sie erzählen auf Russisch eine Geschichte, die keines interessiert. Oder doch? Wir hören von einer blinden Prinzessin. Obwohl sie erwachsen zu sein scheint, wird sie wie ein Kind behandelt. Frauen, die sich als ihre Freundinnen ausgeben, bieten ihr an, sie in den Schlaf zu singen. Die Prinzessin scheint für ihr Alter auf bestürzende Weise naiv zu sein. Überhaupt legen alle Frauen auf der Bühne ein lächerliches Verhalten an den Tag. Ihre Bewegungen, ihre Gesten, ihr Gesichtsausdruck sind unnatürlich, affektiert. Die Prinzessin wird offensichtlich von den Personen in ihrer Umgebung absichtlich dumm gehalten, weil sie nicht erfahren soll, dass sie blind ist. Gleichzeitig soll das alles anscheinend lieb und herzig wirken: Der Chor fragt die Prinzessin, ob er ihr ein Märchen erzählen soll. Die Prinzessin wird Vögelchen und Täubchen genannt. Sie weiß nicht, warum sie so traurig ist. Später erfährt sie: Sie kann das göttliche Licht nicht sehen! Die Gespielinnen reichen ihr Ranunkeln, Mimosen und Blüten der Levkoje, um sie aufzuheitern. Die Blüten, so heißt es, duften jungfräulich frisch und rein. Im Publikum fragt sich keines, wie Jungfrauen duften. Jedenfalls ist es großartig, dass Jolanta, die Prinzessin, so ein jungfräuliches, argloses, engelsgleiches Wesen ist. Das ist entzückend und bezaubernd. Das Publikum starrt mit heiligem Ernst gebannt auf das Podium, auf Netrebko, auf ihre Stimme. Lustig findet es keine.

Die Frau ist wieder einmal die Gefickte

Der König, seines Zeichens Vater der Prinzessin, ist wahrlich zu bedauern: Was muss er doch leiden, da Gott ihn mit einer blinden Tochter bestraft hat. Er gibt vor, sie über alles zu lieben, und klagt Gott sein Leid. „O Gott“, fleht er, „erbarme dich meiner!“ Die Tochter soll operiert werden, ohne jedoch etwas von ihrer Krankheit zu erfahren. Sie soll nicht einmal wissen, dass es so etwas wie „sehen“ gibt. Als ein Weiser aus dem Morgenland dem König mitteilt, dass Aufklärung die Grundlage der Heilung wäre, entscheidet sich dieser dagegen: Die Prinzessin soll nicht operiert und nicht über ihren Zustand und den der Welt aufgeklärt werden. Zu ihrem Besten? Wohl zu seinem, des Vaters Besten. Und damit automatisch auch zu dem ihren. Schließlich eröffnet ein Mann ihr die Wahrheit, die Liebe und sein Herz. Und sagt ihr auch, woran sie ist: Sie kann Gottes Licht nicht erkennen. Er aber brennt nur mehr für sie, sagt er ihr und singt er ihr und uns allen ins Ohr mit schallendem Tenor und lang ausgehaltenen Spitzentönen, die bis ins Foyer zu hören sind. Er weist ihr den Weg zum Wissen. Die mächtigen Männer verfügen über das Vögelchen, das Täubchen. Aber das macht doch nichts, im Gegenteil. Wir brauchen keine emanzipierten Frauen auf der Bühne, es reicht doch, wenn sie hübsch ausschauen und einfach nur weiblich sind. Das entschädigt für alles. Im Saal sind alle ganz ernst. Keines außer mir scheint daran etwas komisch oder merkwürdig zu finden.

Eine Themenverfehlung

Die Prinzessin wird geheilt. Sie will zwar nicht (wie kann sie brennend wünschen, was sie nur verworren versteht?), wird aber ihrem Vater demütig gehorchen. Der Vater ist schlau: Er droht mit dem Tod ihres Geliebten. Da will sie plötzlich Schmerzen erleiden. Sie opfert sich für den Mann: aus Liebe. Und am Schluss kann Gott gedankt werden, der an allem schuld ist.

Sind das wirklich die Geschichten, die uns interessieren? Aber ich muss den Text ja nicht mitlesen. Ist es geradezu ein Sakrileg, zuzuhören? Eine Themenverfehlung? Oder ließe sich auch fragen, warum im Umfeld der klassischen Musik scheinbar der Inhalt keine Rolle spielt? Zur Erinnerung: jener Inhalt, der ursprünglich der Grund war, warum solche Stücke überhaupt aufgeführt wurden. Diese Kunstsparte lebt von der Verdrängung der Gegenwart.

Hier muss ich mir eine verengte Wahrnehmung antrainieren, die sich auf einen ganz schmalen Bereich sinnlicher Eindrücke beschränkt. Jedes Urteil außer „Netrebko ist eine große Sängerin“ wäre verfehlt. Aber die Pose ist genau genommen nicht egal, sie ist Teil der Performance und des Images. Netrebko könnte nicht mit kurzen Haaren und in Hosen auftreten. Sie könnte sich nicht normal bewegen.

Der Bildungshörer

Die Art des Musikgenusses, die sich in dieser Veranstaltung manifestiert und wohl (wie anzunehmen ist) vom Großteil des anwesenden Publikums gepflegt wird, entspricht jener Form der Musikrezeption, die Adorno dem Typus des „Bildungshörers“ zuordnete.

Es geht hier gewissermaßen noch schlimmer zu als im normalen Konzertbetrieb. Und dann doch wieder nicht: weil um „große“ Stimmen und „große“ Interpreten geht es hier wie dort. Um die dargebotene Musik geht es hier wie dort nicht wirklich: die Musik wird als gegeben vorausgesetzt und nicht in Frage gestellt. Sie steht außerhalb der Kritik, ist unantastbar. Kritik daran wird als „naiv“ diskreditiert. Wer bin ich denn, dass ich …? Dadurch wird das Anachronistische kritiklos akzeptiert und als reaktionäre Ideologie in die Gegenwart mitgeschleppt.

Ferner steht außer Frage, dass das Kunst ist.

Interpretation ist alles

Die Musikkritik erfüllt heute die Funktion, einen kleinen und klar umrissenen Leserkreis zu befriedigen (jawohl, zu befriedigen). Nämlich den Kreis der Kenner, die durch die Musikkritik ihr eigenes Kennertum (und damit sich selbst) bestätigt sehen. Und sich durch ebendiese Kompetenz von anderen Personengruppen abheben können (Bourdieu). Die Kritik darf nicht in Frage stellen, dass es den Betrieb an sich gibt. Dass es in diesem Betrieb an sich nur um die Interpretation geht. Dass der Meisterwerk-Status der dargebotenen Werke ein Faktum ist. Dass größtenteils Werke der ferneren Vergangenheit (und auch da nur innerhalb eines begrenzten Kanons) zu hören sind. Dass diese Präsentationen mit dem Zur-Schau-Stellen von Reichtum und gesellschaftlicher Macht verbunden sind. Dass gewisse Verhaltensweisen innerhalb der Konzertinstitutionen erwünscht, andere hingegen nicht toleriert sind. Dass sich in all dem konservative gesellschaftliche Ideale manifestieren, die verleugnen, dass es so etwas wie Ungleichheit gibt, die hier nur als ausgeschlossenes Anderes präsent ist – sprich, eben nicht präsent ist. Was nicht weiter verwunderlich ist, sind doch diejenigen, die von diesem Betrieb profitieren, auch die Nutznießer der Ungleichheit. Die „heilige Kunst“, die „holde Musik“, die „edle Mittlerin“, deren friedensstiftende und persönlichkeitsbildende Wirkung außer Zweifel steht, wird hier zu systemerhaltenden Zwecken nutzbar gemacht (wozu sie sich, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, gerade wegen ihrer vermeintlich abstrakten Natur hervorragend eignet.) Es gibt keine andere Kunstsparte, bei der dieser systemerhaltende Charakter so stark ausgeprägt ist, weil es neben dem klassischen Konzertleben keinen Bereich des Kulturbetriebes gibt, in dem das Bürgertum eine so vollkommene Repräsentation gefunden hat.

Netrebkos Kostüm. Ihr Lächeln. Ihre Mimik. Der Blumenstrauß. Wie sie die Rosen an die Nase presst. Der Bühnenkuss. Der Lippenstift. Die Verbeugung.

Peter Iljitsch Tschaikowsky: Jolanta. Zyklus Great Voices, Konzerthaus Wien, 30. November 2012